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Overlays für mehr Barrierefreiheit? Warum das keine gute Idee ist

Letzte Änderung: 09/2022

Immer mehr Web-Anbieter – auch öffentliche Stellen – binden sogenannte Overlay-Tools ein, in der Hoffnung, damit schnell und einfach ihr Angebot barrierefrei(er) zu machen. Dabei folgen sie dem aggressiven Marketing der Overlay-Anbieter, die gern den Eindruck erwecken, mit ein paar Klicks ließe sich ein nicht barrierefreies Angebot barrierefrei machen. Anbieter sind unter anderem AccessiBe, DigiAccess, Insuit oder UserWay. Eine längere Liste von Anbietern findet sich auf dem Overlay Fact Sheet (englischsprachig).

Was passiert beim Overlay?

Üblicherweise wird ein Overlay über eine JavaScript-Anweisung eingebunden. Auf dem Angebot erscheint dann ein zusätzliches Bedienelement, etwa ein Symbol oder ein Menü, das dann einen Blumenstrauß unterschiedlichster Anpassungsmöglichkeiten anbietet: andere Kontrast-Schemata, vergrößerter Text, hervorgehobener Fokus, größerer Cursor, bestimmte Tastaturkürzel zum Navigieren von Bereichen usw.

Was erstmal ganz gut klingt, hat in der Praxis schwerwiegende Nachteile. Für Nutzende, die bereits mit einem Hilfsmittel wie dem Screenreader arbeiten, sind zum Beispiel gewohnte Tastaturbefehle plötzlich nicht mehr verfügbar, weil sie nun vom Overlay genutzt werden.

Dass Overlays kein geeigneter Weg sind, Barrierefreiheit herzustellen, darüber besteht unter Expertinnen und Experten weltweit weitgehende Einigkeit. Mehr als 700 Menschen mit Behinderung und Barrierefreiheits-Professionals haben bereits das Overlay Fact Sheet unterzeichnet, das die wichtigsten Punkte der Kritik zusammenfasst, und haben damit deutlich gegen den Einsatz von Overlays und die falschen Versprechungen der Overlay-Anbieter Stellung bezogen. Das Overlay Fact Sheet bietet außerdem zahlreiche O-Töne von Menschen mit Behinderungen mit deutlichen Worten der Unzufriedenheit bezüglich Overlays sowie Links zu Dutzenden von weiteren Veröffentlichungen, die sich kritisch mit Overlays auseinandersetzen.

Eine praktische Erkundung

DIAS hat bereits vor einiger Zeit eine Reihe von Web-Angeboten öffentlicher Stellen in Europa, die Overlays einsetzen, stichprobenartig untersucht. Anlass war die Bitte von Funka (Schweden), für einen Vortrag vor der Web Accessibility Directive Expert Group der Europäischen Kommission die praktischen Auswirkungen des Einsatzes von Overlays zu erkunden und vorzustellen. Neben Funka und DIAS hat auch AnySurfer (Belgien) daran mitgewirkt. Wir fassen im Folgenden die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

Was spricht gegen Overlays?

Menschen mit Behinderungen brauchen bei der Nutzung des Webs in der Regel bestimmte Anpassungen durchgehend. Sie brauchen zum Beispiel immer stärkere Kontraste oder immer größere Schrift, sie nutzen durchgehend die Tastatur, oder sie brauchen den Screenreader für die Bedienung und akustische Vermittlung der Inhalte. Dabei ist es extrem wichtig, dass über die verschiedensten Web-Angebote hinweg die üblichen Anpassungen und Navigationsweisen gleichermaßen möglich sind: Dass zum Beispiel Texte nicht abgeschnitten werden, wenn größere Schriften oder Zeilenhöhen eingestellt sind, sondern die Text-Container mitwachsen, oder dass die Screenreader-Kurzbefehle für die Navigation überall funktionieren. Der Design-Ansatz von Overlays verlangt dagegen von Nutzenden, dass sie sich mit speziellen Anpassungsmöglichkeiten für nur ein Angebot mit einem bestimmten Overlay auseinandersetzen. Das ist von Nutzenden schlicht nicht zu erwarten: Es ist zeitraubend und unproduktiv.

Overlays können viele wichtige Barrieren nicht beheben

Dies sind nur einige Beispiele. Overlays

  • fügen keine Untertitel hinzu,
  • beheben keine ARIA-Fehler bei der Auszeichnung dynamischer Elemente,
  • verbessern nicht die Tastaturinteraktion,
  • verbessern keine Fehlermeldungen.

Overlay-Funktionen sind selbst oft schlecht zugänglich umgesetzt

Ganz abgesehen vom zweifelhaften Nutzen eines Overlays: Es ist fraglich, ob dessen Symbole und Anpassungsmöglichkeiten überhaupt von Nutzenden wahrgenommen, verstanden und bedient werden können. Eine ganze Reihe von schwerwiegenden Mängeln zeigte sich bei der Untersuchung eingesetzter Overlays auf mehreren Websites von öffentlichen Stellen in Europa:

  • Das Overlay-Bedienelement konnte nicht mit der Tastatur erreicht werden.
  • Die Overlay-Funktion ließ sich überhaupt nicht aktivieren.
  • Overlay-Optionen hatten keine sichtbare Fokushervorhebung.
  • Einmal eingeschaltet, ließ sich das Overlay nicht wieder abschalten.
  • Das Bedienelement war selbst nicht kontrastreich genug.
  • Die Funktion führte aus dem Angebot heraus und erzwang das Erstellen eines Nutzerprofils.

Overlay-Einstellungen beheben viele Mängel nicht und schaffen neue Mängel

Eine weitere Frage ist, ob die aktivierten Anpassungen durch Overlays überhaupt in der Lage sind, Barrierefreiheit herzustellen, wenn das zugrundeliegende Angebot selbst deutliche Mängel hat.

Das Ergebnis der Untersuchung war eindeutig: In allen untersuchten Fällen kam es weiter zu erheblichen Barrieren und oft wurden sogar zusätzliche Barrieren geschaffen. Einige Beispiele:

  • Aktivierte Schriftgrößen-Einstellungen führten zu überlappenden und abgeschnittenen Inhalten.
  • Bei Zoom funktionierte der Textumbruch nicht, horizontales Scrollen wurde nötig.
  • Die Bedienung wurde durch im Hintergrund laufende Scripts extrem verlangsamt.
  • Kritisch wichtige Bedienelemente (etwa Menü-Icons) waren nicht länger sichtbar.
  • Die übliche Tastaturnavigation wurde ausgehebelt und z. B. durch eine Navigation nur über Nummern-Eingabe ersetzt.

Wohlgemerkt zeigen sich viele der genannten Probleme auch bei Nutzung der Einstellungsmöglichkeiten des Browsers. Der springende Punkt ist jedoch, dass diese Probleme auch beim Einsatz von Overlays weiter bestehen oder sogar verschärft werden. Ein Overlay kann sie nicht reparieren. Unsere Untersuchung ergab: In keinem Fall war ein Overlay in der Lage, eine nicht barrierefreie Site quasi automatisch konform zu machen. Je schwerwiegender die bestehenden Barrieren, desto weniger waren Overlays in der Lage, die Situation für Nutzende zu verbessern.

Fazit: Hände weg von Tools, die Barrierefreiheit automatisch herstellen sollen!

Es bleibt dabei: Barrierefreiheit ist etwas, um das sich Anbieter selbst kümmern müssen. Ein Overlay schafft keine Barrierefreiheit, sondern verschlechtert in vielen Fällen die Benutzbarkeit des Angebots für Menschen mit Behinderungen.

BIK rät Anbietern grundsätzlich dringend davon ab, Overlays auf ihren Angeboten einzubinden.

Kritisch äußern sich auch die Überwachungsstellen des Bundes und der Länder für die Barrierefreiheit von Informationstechnik in ihrer im Juli 2022 veröffentlichten Gemeinsamen Einschätzung zur Verwendung von Overlay-Tools.

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