Tastaturbedienbarkeit – warum ist das wichtig? (Teil 3)

Detlev Fischer

Auch mobile Apps sollten mit der Tastatur bedienbar sein. Warum das wichtig ist und welche Rolle die Tastatur bei der Barrierefreiheit und beim Testen von Apps spielt, zeigt dieser dritte Teil unserer Blogserie zum mobilen Testen.

Manche Anbieter, die beim BIK-Prüfverbund Beratung oder Tests anfragen, wundern sich, warum mobile Apps überhaupt mit der Tastatur bedienbar sein müssen, wo sie doch meist per Touch gesteuert werden. Wer unterwegs eine Online-Karte aufruft, um die beste Route zu einem Ort zu finden, oder wer sich unterwegs ein Nahverkehrsticket kauft, schleppt doch keine Tastatur mit sich herum? Außerdem wird doch eine virtuelle Tastatur eingeblendet, wenn mal eine Texteingabe erforderlich ist?

Nutzungsszenarien von mobilen Apps sind vielfältig – auch mit Tastatur

Die Touchbedienung ist bei Apps sicher die typische, aber für viele Menschen nicht die einzige Nutzungsweise. Zum einen gibt es mobile Apps nicht nur auf dem Handy, sondern ebenso auf Tablets, die teilweise mit Tastatur genutzt werden. Manche Menschen nutzen auch aufgrund ihres geringeren Gewichts oder – verglichen mit Desktop-Programmen – oft einfacheren Benutzerführung lieber Tablets als Laptops.

Wer auf der Heimfahrt nach einem Meeting seine Gedanken notieren oder eine längere E-Mail schreiben will, kann von der Nutzung einer Tastatur profitieren. Das Schreiben ist sehr viel komfortabler, wenn man eine kleine faltbare Tastatur ans Handy anschließt, statt die virtuelle Tastatur nutzen zu müssen – und Spracheingabe als Alternative ist in vielen Situationen (man denke nur an einen vollbesetztes Abteil in der Bahn) nicht realistisch.

Mobile Plattformen nähern sich außerdem den Desktop-Plattformen immer mehr an: Apps können heute vielfach auch auf Desktop-Betriebssystemen genutzt werden, und hier ist die Tastatur neben der Maus ohnehin das übliche Eingabegerät.

Tastaturbedienbarkeit unterstützt auch andere Eingabemöglichkeiten

Für Menschen mit motorischen Einschränkungen, für die die Touch-Bedienung schwierig oder nicht möglich ist, ist die Tastaturbedienung natürlich besonders wichtig. Ist die Tastaturbedienbarkeit einer App erfolgreich umgesetzt, ist damit in der Regel auch die Schaltersteuerung, die Screenreader-Nutzung und die Sprachsteuerung gut unterstützt.

Tastatur ist nicht gleich Tastatur

Man kann eine externe Standardtastatur über USB C direkt an das Smartphone anschließen. Bei iOS gibt es alternativ die Möglichkeit, Apps auf dem iPad mit angedocktem, kabellosem Magic Keyboard zu nutzen und zu testen. In der Unterstützung zeigen sich jedoch manchmal kleine Unterschiede: Mit dem Magic Keyboard funktioniert etwas, das mit dem Standardtastatur nicht geht – oder umgekehrt. Auch die Tastaturen selbst unterscheiden sich möglicherweise. So gibt es beispielsweise auf älteren Apple Magic Keyboards keine Escape-Taste. Unterschiede können möglicherweise darauf zurückzuführen sein, dass Apple inzwischen abweichende Betriebssysteme für iPhones und iPads entwickelt – iOS und iPadOS. Diese sind sehr ähnlich, verhalten sich bei Tastaturbedienung aber nicht immer identisch. Werden beide Arten von Tastatur genutzt, sollte ein Prüfbericht festhalten, wenn Unterschiede in der Unterstützung auffallen.

Welche Geräte sollten genutzt werden?

Im BIK BITV-Test (App) wird die Tastaturbedienbarkeit einer mobilen App in der Regel auf einem aktuellen iPhone oder Google Pixel Smartphone, verbunden mit einer über USB oder Bluetooth gekoppelten Standardtastatur, getestet – und zwar bei abgeschaltetem Screenreader. 

Warum Google Hardware statt Samsung Huawei und Co? Bei einem Google Pixel Smartphone ist gewährleistet, dass das unveränderte Android ("Vanilla Android") eingesetzt wird und das System auf dem aktuellen Stand ist. Andere Gerätehersteller verändern zum Teil die Systemoberfläche (nutzen eine eigene "Android-Skin"), aktualisieren mit Verzögerung, nutzen ggf. andere virtuelle Tastaturen und ggf. nicht die aktuelle Version des Screenreaders TalkBack (auch wenn dieser vermutlich nachinstalliert werden kann).

Wünscht der Kunde zusätzlich zum Test auf dem Smartphone auch einen Test der App auf einem Tablet, oder möchte er sicherstellen, dass die App auch auf älteren Systemversionen und Geräten barrierefrei ist, ist das löblich, aber der Aufwand steigt erheblich.

Apps zeigen oft Barrieren für Tastaturnutzende

Beim Testen mit angeschlossener Tastatur zeigen sich bei beiden Betriebssystemen deutliche Unterschiede. Traditionell hat Android die bessere Tastaturbedienbarkeit, aber auch hier kommt es öfter vor, dass interaktive Elemente der App überhaupt nicht mit der Tastatur erreicht und aktiviert werden können. Das bedeutet ein Verstoß gegen die Anforderung 11.2.1.1 Tastatur. 

Bei iOS muss man bei der Tastaturbedienung sehr häufig zwischen der Tabulator-Taste und den Pfeiltasten wechseln, um alle Elemente zu erreichen. Manche Elemente sind sogar nur mit STRG + Tab erreichbar. Das ist mitunter umständlich und erfordert einiges Rumprobieren. Dennoch wäre in unserem Test die Tastaturbedienbarkeit erfüllt, wenn es irgendwie geht – denn die zugrunde liegende normative Anforderung legt nicht fest, mit welchen Tasten die Tastaturbedienung möglich sein muss. Ist jedoch die Fokusreihenfolge unklar, visuell nicht sichtbar oder widersinnig, würde das Problem bei einer anderen Anforderung, nämlich 11.2.4.3 Fokus-Reihenfolge, als Verstoß dokumentiert werden.

Schlechte Fokushervorhebung

Erschwert wird die mobile Tastaturbedienung generell dadurch, dass die Standard-Fokushervorhebung sowohl bei iOS als auch bei Android sehr schwach ist: Es gibt meist nur eine semitransparente, leichte Abdunkelung der Elemente. Ist das nun ein Fehler bei der Kontrastanforderung für grafische Elemente (also Anforderung 11.1.4.11 Nicht-Text-Kontrast)? Man könnte das annehmen, muss aber berücksichtigen, dass in den normativen Anforderungen hier eine Ausnahme für native, also vom Autor unveränderte Elemente vorgesehen ist. Deshalb verzeichnet unser Test nur dann einen Fehler, wenn Entwickler selbst die Fokushervorhebung beeinflussen und der Kontrast dann nicht ausreicht. Gibt es überhaupt keinen sichtbaren Fokus, ist das allerdings klar ein Fehler bei der Anforderung 11.2.4.7 Fokus sichtbar.

Fazit

Ich hoffe, wir haben gezeigt: Tastaturbedienbarkeit ist auch bei mobilen Apps relevant und sollte nicht vernachlässigt werden oder unberücksichtigt bleiben. Für einen Konformitätstest, der sich am Europäischen Standard, EN 301 549, orientiert, wäre sie ohnehin Pflicht – denn Anforderungen für die Tastaturbedienbarkeit stehen in Kapitel 11 Software, das die Grundlage für das Testen mobiler Apps bildet. Dass in unseren Tests nach wie vor viele Probleme bei der Tastaturbedienung auftauchen, liegt sicher daran, dass vor dem Aufkommen rechtlicher Verpflichtungen diese Nutzergruppe (und andere Gruppen, die indirekt von guter Tastaturnutzung profitieren) nicht so wichtig schienen, nutzt doch die überwiegende Anzahl Touchbedienung. Für Menschen mit Behinderung ist die Tastaturbedienung jedoch auch bei Apps ein kritisches Thema – und nicht behinderte Menschen profitieren ebenso davon, wie unsere Beispiele gezeigt haben.

Kommentare

1 1
Abstimmungen

Kommentare Bewertung

Alle Felder sind Pflichtfelder

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

1 Bemerkungen
  • Juanlu

    Very interesting, thank you very much. In the tests I conduct, besides using an external keyboard, I use button control (iOS) or switch control (Android) to simulate keyboard navigation with specific accessibility software. I think that using only a keyboard would make the tests somewhat incomplete. What do you think?

    • Detlev Fischer

      What is "button control" in iOS? Do you mean "switch control" there as well? We have not yet found cases where an additional switch control test would unearth issues that are not already covered by testing with the keyboard. By which I don't want to say there cannot be such cases. It is always a question of effort and diminishing returns.


      If you have cases where using switch mode indicates issues not already discovered by keyboard testing, I'd be very curious to learn about them.